torsten körner (über den kapuzenpulli):
“Ich betrieb ein bisschen Textil- und Kulturgeschichte. Asketische und schweigsame Mönche waren Kapuzenträger, auch Lagerarbeiter in New York, die häufig von eiskalten Räumen ins Freie wechselten, schliesslich entdeckten Boxer und Hip-Hopper den Kapuzenpullover. Odysseus kehrte im Schutz seiner Kapuze unerkannt nach Hause zurück und tötete die zechenden Freier, der Sänger Orpheus stieg mit einem Kapuzenpullover in die Unterwelt hinab, um Eurydike zu rette, was bekanntnich schiefging, weil Orpheus sich umdrehte. Für mich ist die Kapuze auf dem Rücken das Auge, das sich auf die Vergangenheit richtet. Sie ist aber auch ein Andachtsraum, sie ist lyrisches Bekenntnis zum Spiel, zum Ich, das kein endgültiges, festgeschriebenes machtklirrendes Ich sein will. Mit meiner Kapuze fische ich in den Kleidergeschichten meines Lebens. Wer war ich, als ich dieses Hemd oder jenen Pullover anzog? Was versprach ich mir von diesem Anzug? Habe ich eine textile Heimat?”
aus: Torsten Körner, Mein Kapuzenpullover und ich. Oder: Warum die Selbstinszenierung mittels Kleidung eine Lebensaufgabe ist, in: chrismon plus. Das evangelische Magazin, 08/2012, Seite 26-27.